SO 30.10.16

12 Uhr Matthew Bourne: „Montauk Variations“ (Piano-Solokonzert)

19 Uhr Matthew Bourne: „Moogmemory“ (Synth.-Solokonzert) + Brandt Brauer Frick

Mousonturm 12 Uhr + 19 Uhr

Konzert 1 & 2

Matthew Bourne
Matthew Bourne

Matthew Bourne

Er sei „erfüllt von einem geradezu brennenden Verlangen, Musik auf allem zu machen, was alt, gebrechlich oder sogar kaputt ist“, sagt der britische Pianist und Cellist Matthew Bourne, nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Tänzer und Choreographen. Als Bourne einen Memorymoog aus dem Jahr 1982 erwarb, entpuppte dieser sich als äußerst „unkooperativ“, was für Vintage-Synthesizer dieser Baureihe allerdings relativ normal ist. So normal, dass der deutsche Spezialist Rudi Linhard sich mit diversen Modifikationen des Originals eine internationale Reputation erwerben konnte. Er legte auch Bournes Memorymoog auf seinen Operationstisch, spendierte ihm ein neues Betriebssystem und ersetzte über tausend Hardware-Komponenten durch Hochwertigere. Inspiriert von dem dank Linhard nun „wohlerzogenen“ Instrument drang Matthew Bourne immer tiefer in die Möglichkeiten der spannungsgesteuerten Tonerzeugung vor. Dort entdeckte er Sounds von meditativer Schönheit, die zeitweise anmuten wie ein elektronisches Echo auf Kirchenorgeln, Waldhörner, Flöten oder andere Klänge aus der analogen Welt. Als Resultat erschien im März 2016 mit „Moogmemory“ das erste Album, das ohne Hilfe von Computern oder Synthesizern ausschließlich mit Hilfe des Lintronics Advanced Memorymoog aufgenommen wurde. Weil sich das Programm auch live nur mit diesem empfindlichen Gerät realisieren lässt, legt Bourne die über 1.000 Kilometer Distanz zwischen seinem Wohnort in Yorkshire und Frankfurt am Main mit dem PKW zurück. „Moogmemory“ wird also zum ersten und vorerst einzigen Mal in Deutschland zu erleben sein.

Geboren 1977 in Avebury, Wiltshire, fiel Matthew Bourne dem landesweiten englischen Publikum erstmals 2001 als einer der Gewinner des Perrier Jazz Award auf. Im Jahr darauf erhielt er den BBC Radio Jazz Award in der Sparte „Jazz Innovation“ und 2005 den International Jazz Award der IFJO, einem Dachverband der 16 weltgrößten Jazzfestivals. Damals noch ein „junger Wilder“, fröhnte er in seinem Piano-Trio Bourne/Davis/Kane der freien Interaktion, verblüffte durch unkonventionell-kreativen Einsatz von Samples, spielte in der Proto-Metal-Band Bilbao Syndrome und arbeitete für so unterschiedliche Künstler wie John Zorn, Barre Phillips, Annette Peacock, Nils Frahm oder Nostalgia 77.

„Montauk Variations“, ein Klavier- und Cello-Album aus dem Jahr 2012, schlug eine neues Kapitel in der Biographie des Künstlers auf. Ein Kapitel, das nun Fragilität und Romantik in den Fokus seiner hoch persönlichen Musik rückt, ohne die typisch Bourneschen Qualitäten der Unvorhersehbarkeit und der Intensität dafür preiszugeben. „Montauk Variations“ nimmt den Hörer mit auf eine faszinierende Reise in die Klangwelt eines Künstlers, der seine Inspiration aus allem Möglichen bezieht, sogar aus Situationen, die andere als Störung empfinden würden. Gerade als er in Dartington Hall, wo der Garten so gut gepflegt wird wie die Pianos, mit der Aufnahme beginnen wollte, drang das entfernte Dröhnen eines Rasenmähers an sein Ohr. „Im Geist der Improvisation ließ ich mich darauf ein, anstatt mich davon stören zu lassen“, gibt der Musiker zu Protokoll. So entstand mit „The Greenkeeper“ einer der Höhepunkte des Albums, gewidmet der britischsten aller Erfindungen und dem Mann, der damit am Tag der Aufnahme dem Rasen zu Leibe rückte.

Der Barrikadenstürmer von einst präsentiert sich heute als gereifter Künstler, der Schönheit nicht scheut und eine Vielzahl von Einflüssen – von der englischen Pastorale über Neue Musik bis hin zum Jazz jeder Couleur und der Elektronik – zu einer Musik verbindet, die zugänglich und gewagt zugleich ist. Seit dem letzten Jahr lebt er in einem Dorf in Yorkshire, wo er sich umgeben und inspiriert von Vintage-Synthesizern, Tape-Delays und einem quietschenden Harmonium neben seinem Cello und seinem Piano ganz den aus seinem Innern kommenden Klängen widmet.

Das 47. Deutsche Jazzfestival Frankfurt 2016 featuret den eigenwilligen Einsiedler am Sonntag Mittag im Mousonturm mit einem Pianorecital und abends mit seinem Synthesizer-Solokonzert „Moogmemory“.

Matthew Bourne | piano, memorymoog

Matthew Bourne | Video auf YouTube (Montauk Variations)
Matthew Bourne | Moogmemory


Konzert 2 (19 Uhr)

Brandt Brauer Frick

Brandt Brauer Frick
Brandt Brauer Frick

„Brand Brauer Frick“ sind eines der ungewöhnlichsten Ensembles Deutschlands – und erfinden sich immer wieder neu. Dass sich die Wege der drei Musiker vor acht Jahren überhaupt kreuzten, darf guten Gewissens als Glücksfall der Szene gewertet werden. Über „MySpace“ war Paul Frick 2008 auf Daniel Brandt und Jan Brauer gestoßen. Frick studierte zu der Zeit Komposition an der Berliner Universität der Künste bei Friedrich Goldmann, einem Vertreter der Neuen Musik. Brandt und Brauer versuchten sich in Wiesbaden unter dem Namen „Scott“ an einer Fusion von Jazz und Elektro. Alles begann damals in der hessischen Landeshauptstadt mit einer improvisierten Jamsession. Intuitiv habe man schon am ersten Tag eine Art gefunden, zusammen Musik zu machen, sagt Paul Frick heute. Und man war sich schnell einig, was dabei herauskommen sollte: Minimalistisch sollte es sein, mit dreckigen, akustischen Klängen. Der Ansatz des Trios war, Clubmusik und Techno mit den Sounds eines klassischen Instrumentariums zu vereinen, diese wurden in der ersten Zeit als Samples eingesetzt. Sehr schnell entstand so ein ganz eigener musikalischer Kosmos. Nach der Entscheidung, Berlin als Homebase für die Band zu wählen, sorgte die Musik von „Brandt Brauer Frick“ in der Clubszene der Hauptstadt schnell für Furore. Ihren ersten Auftritt hatten die drei im angesagten „Berghain“, danach ging es steil bergauf. Es ist kein stumpfsinniger Allerwelts-Techno, mit dem „Brandt Brauer Frick“ Erfolg haben, das Trio kommt ohne die kühle und gleichförmige Soundästhetik synthetischer Beats und Bässe aus. Es ist vielmehr eine körperlich groovende Musik, nervös, tanzbar, mit Hirn und Seele.

Nach der ersten noch zu dritt eingespielten CD „You Make Me Real“ entscheiden sich die Musiker zum nächsten Schritt: Sie gründen 2010 das zehnköpfige „Brandt Brauer Frick Ensemble“ mit Posaune, Tuba, Geige, Cello, Harfe, Klavier, Perkussion und einem analogen Synthesizer. Die vorher gesampelten Klänge werden nun live von klassisch ausgebildeten Instrumentalisten gespielt und das Ensemble macht so aus Techno Kammermusik. Dieses Konzept erreicht auch ein Publikum weit über die Clubszene hinaus und führt zu Auftritten in klassischen Konzertsälen sowie auf vielen internationalen Festivals, darunter Glastonbury, Montreux, Coachella Valley Music and Arts und das Sonar Festival.
2011 erscheint das Album „Mr. Machine“ und zwei Jahre später die Platte „Miami“ – und die Musik verändert sich stetig. Zunächst hatte man sich noch einem 4/4-Diktat unterworfen und versucht, Musik zu machen, die in ein DJ-Set passt. Jetzt arbeitet die Gruppe zunehmend songorientierter, poppiger und traut sich immer mehr an Gesangparts. Auf der letzten CD erschienen u.a. Gastsänger wie Om’Mas Keith, Gudrun Gut und Jamie Lidell und 2014 trat das Ensemble auch mit dem WDR Rundfunkchor auf.

Brandt Brauer Frick
Brandt Brauer Frick

Aktuell arbeitet die Gruppe mit dem kanadischen Sänger Beaver Sheppard zusammen, seine Stimme ergänzt die fiebrigen und perkussionsorientierten  Arrangements von „Brandt Brauer Frick“ um einen melancholischen Grundton. „Wir haben Beaver beim MUTEK Festival in Montreal kennengelernt und es war Liebe auf den ersten Blick“, kommentiert die Band. „Wir hatten dann glücklicherweise die Gelegenheit, ihn für eine Konzertserie in der Schweiz rüberzuholen. Anschließend gingen wir vier Wochen ins Studio und begannen gemeinsam, an Songs zu arbeiten.“ Erstes Ergebnis war dann im April dieses Jahres eine Single mit den beiden Titeln „Holy Night“ und „Poor Magic“. Und so bleiben „Brandt Brauer Frick“ sich weiterhin treu, zeigen sich erfrischend experimentierfreudig und ersinnen ständig neue Konzepte und Ideen.

Daniel Brandt | drums, piano, bass, synth
Jan Brauer | synth, keyb, piano
Paul Frick | piano, synth, perc
Beaver Sheppard | voc
The Free Electric Singers | back voc

Brandt Brauer Frick | Zur Website von Brandt Brauer Frick

(Dieses Konzert ist unbestuhlt)