SA 29.10.16

Frankfurt Organic Electro Experience + special guest Bodo Kirchhoff
Julia Hülsmann Trio feat. Theo Bleckmann und Ben Monder play „The Beatles“
„Aziza“ – Dave Holland, Chris Potter, Lionel Loueke, Eric Harland

hr-Sendesaal 19 Uhr

Konzert 1

Oli Rubow
Oli Rubow

Frankfurt Organic Electro Experience + special guest Bodo Kirchhoff

Oliver Leicht
Oliver Leicht

Jazz und Electro, Musik und Literatur treffen in diesem speziell für das Frankfurter Festival realisierten Projekt aufeinander. Der Schlagzeuger Oli Rubow, bekannt etwa durch seine langjährige Zusammenarbeit mit Basslegende Hellmut Hattler oder den Lounge-Pionieren von De-Phazz, zeichnet als Spiritus Rector verantwortlich. Ursprünglich stark vom Jazz geprägt, widmet er sich seit Ende der Neunziger Jahre leidenschaftlich den verschiedensten elektronischen Stilrichtungen der DJ- und Club-Kultur und begeistert sich heute gleichermaßen für die Ästhetik elektronischer und programmierter Beats, wie für das Handgemachte, Improvisierte. So bedient er nicht nur ein elektrifiziertes akustisches Schlagzeug, sondern auch eine Dubstation. Mit ihr kann er Klänge aufnehmen, loopen und verändern, oder, wie es im DJ-Jargon heißt: die Musik in Echtzeit remixen.

Sebastian Studnitzky
Sebastian Studnitzky

Für das Frankfurter Festival hat sich Rubow drei Kollaborateure eingeladen, die ebenso wie er im Graubereich zwischen akustischem Jazz und elektronischer Musik unterwegs sind und mit denen ihn langjährige musikalische Freundschaften verbinden. Sebastian Studnitzky ist ein ungemein umtriebiger Zeitgenosse, der nicht nur als Musiker sondern auch als Klanginstallateur und seit 2014 als Macher des Berliner XJazz-Festivals ungewöhnliche Offenheit und Vielschichtigkeit bewiesen hat. Der ECHO-Jazz-prämierte Trompeter und Pianist hat mit Nils Landgren, Wolfgang Haffner oder Mezzoforte ebenso gespielt wie mit Laith Al-Deen, Edo Zanki oder Jazzanova und machte 2015 mit seinem Album „Memento“ als Crossover-Künstler zwischen Jazz, Klassik und Elektro von sich reden. Mit Stud, wie er von seinen Freunden genannt wird, arbeitet Oli Rubow seit 1999 immer wieder zusammen, etwa in der „Hattler“-Band oder anderen Konstellationen an der Schnittstelle zwischen Jazz und Clubkultur. Seinem Namensvetter Oliver Leicht begegnete Rubow erstmals 2006, als die hr-Bigband die elektronischen Klänge von DePhazz mit den akustischen Mitteln eines Jazzorchesters umsetzte. Seitdem haben sich die beiden als Gleichgesinnte gefunden und in verschiedenen Trio-Besetzungen zusammen gespielt, von „A Coral Room“ mit Matthias Vogt über „Brille“ mit Johannes Brecht bis hin zu Leichts eigenem Trio mit dem Kölner Gitarristen Hanno Busch. Diverse Tonträger dokumentieren die Zusammenarbeit des Schlagzeugers mit dem Saxofonisten und Klarinettisten der hr-Bigband, dessen konsequente elektronische Klangforschung immer wieder zu erstaunlich organischen Resultaten führt. Mit Johannes Brecht spielte Rubow unter anderem für Henrik Schwarz, aber auch in dessen eigenem Ensemble. Brecht wird neben einem Moog-Bass und diversen Electronics ab und an auch das Klavier bedienen. Zusammen bilden diese vier Musiker ein Jazz-Quartett, das diverse Spielarten der Clubkultur und DJ-Kunst wie Looping und Remix kreativ nutzt, indem es den Gedanken der Improvisation auf die Ebene der Elektronik erweitert: eine Verbeugung vor der Vielfalt des Jazz und gleichzeitig eine Reminiszenz an die elektronische Musik aus Deutschland, von Krautrock über Dubtechno bis hin zur modernen Klassik. Ein Schulterschluss zwischen gewachsenen musikalischen Freundschaften und frischem work-in-progress, zwischen Repertoire und freier Interpretation und nicht zuletzt ein einmaliges Amalgam aus Jazz, Elektronik und Literatur.

Bodo Kirchhof
Bodo Kirchhoff

Mit einer Wild-Card für ein Festivalprojekt ausgestattet, brachte Oli Rubow nämlich die Idee ein, eine Textstelle aus einem Buch von Bodo Kirchhoff zum Katalysator des musikalischen Prozesses zu machen. Der Wahl-Frankfurter Schlagzeuger outete sich als großer Fan des Wahl-Frankfurter Schriftstellers, bezeichnet ihn gar als literarischen Begleiter seiner musikalischen Reisen. Um so mehr freut er sich sehr darüber, dass dieser einen Text beim Festival selbst live vortragen wird. Was niemand ahnen konnte: Für seine Novelle „Widerfahrnis“ ist Kirchhoff eine Woche vor dem Festival mit dem Deutschen Buchpreis 2016 ausgezeichnet worden. Rubow und seine Mitstreiter werden auf der Bühne Kirchhoff bei einer kurzen Lesung aus diesem Buch aufnehmen und den so gewonnenen „Vocal Track“ anschließend loopen, dekonstruieren und in die Musik einflechten – als literarischen Bezugspunkt des elektronisch-jazzigen Freispiels.

Oli Rubow | drums, dubs, electronics
Oliver Leicht | clar, sax, electronics
Sebastian Studnitzky | trumpet, rhodes, electronics
Johannes Brecht | bass, piano, electronics
special guest: Bodo Kirchoff | Sprecher

Weblinks

Oli Rubow | Zur Biogafie von Oli Rubow


Konzert 2

Julia Hülsmann
Julia Hülsmann

Julia Hülsmann Trio feat. Theo Bleckmann und Ben Monder play „The Beatles“

Julia Hülsmann Trio
Julia Hülsmann Trio

Legendäre Songwriter-Duos hat es in der Geschichte der populären Musik immer wieder gegeben. Doch wo bei George und Ira Gershwin oder Rodgers und Hart die Aufgaben des Textens und Komponierens klar verteilt waren, liegen die Dinge bei John Lennon und Paul McCartney komplizierter. Ihre frühen Songs entstanden meist, indem einer eine Idee einbrachte, die dann gemeinsam weiterentwickelt wurde. Später wurden aus den Kollaborateuren Konkurrenten, die sich mit fertigen Songs gegenseitig zu übertrumpfen versuchten. Doch selbst die immer deutlicher zu Tage tretende Hassliebe zwischen John und Paul, erwies sich als außerordentlich förderlich für die Kreativität der beiden. Unter den etwa 200 Songs, die sie in den 60er Jahren unter gemeinsamem Namen veröffentlichten, finden sich etliche der bis heute weltweit Erfolgreichsten. Und auch George Harrison steuerte einige Klassiker zum Repertoire der Band bei. Natürlich verdankt sich ihr Erfolg auch der kongenialen Produktion und Vermarktung. In einer Zeit, in der die Identität aus Songwriter und Performer erst zum Normalfall zu werden begann, verkörperten die Beatles den neuen Typus der „authentischen“ Rock- und Popstars mit einer nie da gewesenen und seither kaum mehr erreichten Leichtigkeit. Die Lieder wurden auch deshalb zu Hits, weil sie von den Beatles interpretiert wurden. Doch von den frühen Teenage-Lovesongs bis hin zu reifen Werken wie „Eleanor Rigby“ (McCartney) oder „She’s Leaving“ (Lennon) finden sich im Katalog der beiden etliche Juwelen, die den Test der Zeit überdauert haben.

Theo Bleckmann
Theo Bleckmann

Bei Julia Hülsmann mischten sich in die Freude über den Vorschlag aus Frankfurt – „ich bin schon immer Beatles-Fan gewesen und mit ihrer Musik groß geworden“ – auch gleich die Bedenken, ob das nicht schon zu oft versucht worden wäre und ob die Originale nicht zu stark seien. In der Tat haben sich viele Jazzmusiker an diesem Kanon abgearbeitet, ohne den richtigen Zugang zu finden. Oft verschwand die Vorlage unter der Last harmonischer Abstraktion oder virtuoser Improvisation und oft blieb auch die swingende Aneignung weit hinter dem kreativen Genius des Originals zurück. Bei Hülsmann ist weder das Eine noch das Andere zu befürchten. „Lieber als sich selbst inszeniert sie andere“, bemerkte Peter Rüedi einmal in der ZEIT. So hat die 1968 in Bonn geborene Pianistin bereits der Musik Randy Newmans und Kurt Weills neue Facetten abgewonnen und die Poesie von E. E. Cummings und Emily Dickinson auf berückende Weise vertont. Die Vokalisten, mit denen sie dabei zusammen arbeitete, seien es Rebekka Bakken, Anna Lauvergnac oder Roger Cicero, führte sie zu einer Schönheit und Klarheit des Ausdrucks, die man auf deren eigenen Platten oft vergeblich sucht. Nach Frankfurt kommt Julia Hülsmann mit Theo Bleckmann, der auch schon ihr Kurt-Weill-Projekt mit seinem virtuosen sängerischen Understatement veredelte. Der gebürtige Dortmunder hat sich schon lange in New York als umtriebiger und facettenreicher Vokalist etabliert und Julia Hülsmann glaubt, „Theo ist einer, der die Songs der Beatles neu singen kann.“

Ben Monder
Ben Monder

Mit ihrem bewährten Trio, in dem ihr Lebenspartner Marc Muellbauer schon seit fast 20 Jahren den Bass zupft und der in Berlin lebende gebürtige Hesse Heinrich Köbberling am Schlagzeug sitzt, hat die Pianistin ein geradezu blindes musikalisches Verständnis entwickelt, das jedes Sicherheitsdenken überflüssig macht. Die für ein Beatles-Projekt irgendwie doch unverzichtbaren Gitarrensounds liefert Ben Monder. Der feinsinnige New Yorker mit seiner delikaten Klangsprache zwischen „electric bebop“ und ätherischen Klangflächen hat nicht nur Jazzstars wie Paul Motian oder Lee Konitz begleitet, sondern auch die Gitarrenparts zu David Bowies Album „Blackstar“ beigesteuert und bildet schon lange mit Theo Bleckmann ein kreatives Tandem.

Mit diesem erlesenen Team wird Julia Hülsmann erstmals und speziell für das Frankfurter Festival – übrigens dann frisch gestärkt mit dem SWR-Jazzpreis – die Songs der Beatles aus der Perspektive des heutigen Jazz neu zum Leuchten bringen. Eine Quadratur des Kreises? Wem außer dieser Lyrikerin des deutschen Jazz sollte sie gelingen?

Julia Hülsmann | piano
Theo Bleckmann | voc
Ben Monder | guit
Marc Muellbauer | bass
Heinrich Köbberling | drums

Weblinks

Julia Hülsmann | Zur Biografie von Julia Hülsmann


Konzert 2

Aziza
Aziza

„Aziza“ – Dave Holland, Chris Potter, Lionel Loueke, Eric Harland

Lionel Loueke
Lionel Loueke

Aziza, das ist ein freundlicher Waldgeist in der afrikanischen Heimat von Lionel Loueke. Auf seiner letzten CD hat der Gitarrist ihm ein Stück gewidmet. Wenn dieser Waldgeist nun einem All-Star-Quartett den Namen gibt, bedeutet das keineswegs, dass Lionel Louke dessen Bandleader ist. Im Interview hebt er stattdessen hervor, wie gleichberechtigt, als Kollektiv, diese Gruppe organisiert sei. Alle vier Musiker komponieren und kommen improvisatorisch gleichermaßen zu Wort. Dave Holland, Chris Potter, Eric Harland und Lionel Loueke – eine Besetzung, die jedem Jazzfan das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt! „Die Musik verändert sich ständig, von Konzert zu Konzert“, erzählt Lionel Loueke. „Da fließen unaufhörlich neue Ideen aller vier Musiker mit ein, so dass wir uns immer wieder in andere, überraschende Richtungen bewegen können.“

Natürlich fließt auch viel Afrika mit ein in die Band „Aziza“, wie in alle Projekte, an denen Loueke beteiligt ist. „Klar“, lacht der Gitarrist, „denn Afrika ist einfach in mir drin!“ Bevor ihn mit 17 sein Bruder zum Gitarrenspiel bringt, spielt Lionel Loueke in seiner Heimat Benin Schlagzeug. Vielleicht klingt sein Spiel deshalb immer noch so perkussiv und markant. Über Paris kommt er in die USA, wo er bald die Großen des Jazz beeindruckt. „Von seinem Schlag gibt es nur einen“, sagt Wayne Shorter – und spielt gleich auf der ersten „Blue Note“-CD von Lionel Loueke mit, ebenso wie Herbie Hancock, mit dessen Band der Gitarrist Anfang der 2010er Jahre ausgiebig unterwegs ist. Desweiteren arbeitet er mit Terence Blanchard, Joni Mitchell und Charlie Haden. Alle sind begeistert von Louekes ungewöhnlichem Spiel, egal, ob auf der akustischen Gitarre mit Nylon-Saiten oder der elektrischen. Und wenn Lionel Loueke dann auch noch singt, oft parallel zu seinen Gitarrenlinien, dann öffnet sich ein magischer Klangkosmos, der von Afrika aus weit über die Grenzen des Jazz hinausreicht!

Chris Potter
Chris Potter

Chris Potter gehört zu den führenden Saxofonisten der Gegenwart. Der Mann aus Chicago ist 45 und seit über dreißig Jahren Profimusiker. Seine Stimme ist die eines Poeten, erinnert manchmal an den großen Joe Henderson. Sorgfältig wägt Potter Licht und Schatten auf dem Saxofon ab, spielt lyrisch-leidenschaftlich ebenso wie zupackend und voller Kraft. Er hat alles, was ein Meister braucht: Begabung, Musikalität, technische Brillanz, eine große Individualität – und schon jetzt einen sicheren Platz im Olymp der besten Jazzsaxofonisten aller Zeiten! Zu hören auf den inzwischen fast 20 eigenen CDs und an der Seite von Paul Motian, Jim Hall, Kenny Werner, Pat Metheny, Steve Swallow und: Dave Holland.

Dave Holland
Dave Holland

Der legendäre Bassist wird 1946 in England geboren, den Durchbruch erzielt Dave Holland dann in Amerika, als Miles Davis ihn 1968 in seine Band holt. Danach spielt er mit Chick Corea, Anthony Braxton, John Abercrombie, Jack DeJohnette und natürlich mit eigenen Gruppen. Beharrlichkeit und Konsequenz ziehen sich wie ein roter Faden durch die beispiellose Karriere des Dave Holland. „Ich hatte viel Glück, mein Ding so lange durchziehen zu können“, sagt er. „In finanziell schwierigen Zeiten muss jeder Musiker eine Entscheidung treffen. Wenn man dann seiner eigenen musikalischen Stimme treu bleibt und sich nicht verkauft, dann geht die Musik gestärkt daraus hervor. Und irgendwann werden die Leute dies auch anerkennen.“ Mit dieser Einstellung befindet sich Dave Holland im ständigen Austausch zwischen Jazztradition und zeitgenössischem Kontext.

Der äußerst dynamisch spielende Drummer Eric Harland ist seit langem festes Mitglied in den Bands von Dave Holland, beeindruckt aber nicht nur diesen. „Schlagzeuger grooven entweder tierisch, sind aber nicht sehr musikalisch. Oder sie sind sehr musikalisch, aber dann grooved es leider nicht! Eric Harland gehört zu den ganz wenigen, die beides haben“, sagt Lionel Loueke über den Mann, der einst von Wynton Marsalis entdeckt wurde und über den die New York Times befindet, „er lege den Rhythmus für die Zukunft des Jazz fest“.

Holland, Potter, Loueke, Harland – mit dem Quartett „Aziza“ präsentiert das Deutsche Jazzfestival Frankfurt ein echtes „Dream Team“.

Dave Holland | bass
Chris Potter | sax
Lionel Loueke | guit
Eric Harland | drums

Weblinks

Dave Holland | Zur Webseite von Dave Holland
Chris Potter | Zur Biografie von Chris Potter
Lionel Loueke | Zur Biografie von Lionel Loueke
Eric Harland | Zur Biografie von Eric Harland