SA 28.10.17

Bänz Oester & The Rainmakers
Potsa Lotsa Plus play Eric Dolphy´s Love Suite
Pérez / Patitucci / Blade „Children of The Light“

hr-Sendesaal 19 Uhr

Konzert 1

Bänz Oester & The Rainmakers
Bänz Oester & The Rainmakers

Bänz Oester & The Rainmakers

Der Regen, den die beiden Schweizer und die beiden Südafrikaner machen, wächst sich immer wieder zu einem regelrechten Sturm aus. Harmlos erscheinende Melodien wie „Dr Schacher Seppli“, „Nach em Räge schint Sunne“ oder auch Jacques Brels‘ „Amsterdam“ entwickeln sich bei ihnen zu orkanartigen Kollektivimprovisationen, die in ihrer Intensität an das John Coltrane Quartet mit Elvin Jones und McCoy Tyner erinnern. Das Erstaunlichste dabei: Während der Versuch, sich diesem epochalen Vorbild zu nähern, bei den meisten zu angestrengter Selbstdarstellung führt, entfaltet sich der Energiestrom der Rainmakers auf ganz natürliche und damit jederzeit glaubwürdige Weise. Mit dem Album „Ukuzinikela“, live aufgenommen beim Jazz Festival Willisau 2014, begeisterten sie die Kritiker landauf und landab. Von einer „gänzlich entfesselten Band, die so manchen im Publikum mit offenstehendem Mund zurückliess“, sprach etwa die Jazzthetik. Und im Albumtitel verbirgt sich das Erfolgsgeheimnis dieses Quartets.
„Ukuzinikela bedeutet Selbstlosigkeit“, erklärt Bassist und Mastermind Bänz Oester. „Wenn ich mein Ego in der Garderobe lasse und mich auf die anderen einlasse, dann kann ich weit über mich hinauswachsen. Das ist eigentlich das Hauptmotiv für mich, Musik zu spielen. Eine kollektive Energie, die viel größer ist als die zusammengezählten individuellen Energien.“ Dabei hat jeder der vier schon für sich einiges zu bieten. Oester selbst, seit den frühen Achtziger Jahren auf der Schweizer und internationalen Szene präsent, hat sich unter anderem im Duo mit dem Sänger Andreas Schaerer oder durch sein Trio WHO mit Michel Wintsch und Gerry Hemingway einen Namen gemacht. Als starker Bassist legt er das harmonisch-rhythmische Fundament, steuert Kompositionen bei und begeistert außerdem als ausdrucksstarker Solist. 2011 war er zusammen mit Schaerer zum Jazzfestival im südafrikanischen Grahamstown eingeladen, wo er auf Afrika Mkhize und Ayanda Sikade traf und beschloss, eine Band mit diesen beiden Ausnahmemusikern zu gründen. So entstanden die Rainmakers, und wer ihr Album oder ein Konzert der Band gehört hat, kann Bänz Oesters Enthusiasmus leicht nachvollziehen. Afrika Mkhize, der als musikalischer Leiter von Miriam Makebas letzter Band einen gewissen Promistatus in seiner Heimat genießt, ist ein kraftvoll-elastischer Pianist, der die ganze Jazztradition verinnerlicht hat und auf eigene Weise zum Ausdruck bringt. Kraftzentrum Ayanda Sikade ist laut Bänz Oester „einfach der geilste Schlagzeuger, den ich kenne, weil er selbst in lautesten Momenten noch das Gras wachsen hört und immer hochmusikalisch agiert.“ Beide, Mkhize und Sikade, gehören zur neuen Generation südafrikanischer Jazzmusiker, die ihren Lebensmittelpunkt in der angestammten Heimat behielten und nicht ins Exil gingen wie ihre Vätergeneration. Gleichzeitig pflegen sie einen regen Austausch mit diversen Jazzszenen, die weiter nördlich angesiedelt sind. Ein weiteres Beispiel dafür ist auch der letzte Act dieses Festivals, Shabaka and the Ancestors. Saxofonist Nicolas Masson löst seit diesem Jahr Ganesh Geymeier bei den Rainmakers ab. Masson, der unter anderem mit Ben Monder oder Kenny Wheeler gespielt und zwei Alben bei ECM veröffentlicht hat, gilt als eine der führenden Figuren der neuen Schweizer Jazzszene. Zusammen spannen Masson, Mkhize, Oester und Sikade eine Hochspannungsleitung zwischen Nord und Süd, Afrika und Europa, Jazztradition und Gegenwart. „Die vereinigten Energien von vier Leuten, das macht viel mehr als vier“, sagt Bänz Oester und präzisiert: „Das macht vierhundert oder so.“

Nicolas Masson | Tenor Saxophone
Afrika Mkhize | Piano
Ayanda Sikade | Bass
Bänz Oester | Drums

Video (YouTube)


Konzert 2

Potsa Lotsa plus play Eric Dolphy´s Love Suite
Potsa Lotsa Plus play Eric Dolphy´s Love Suite

Potsa Lotsa Plus play Eric Dolphy´s Love Suite

“Eric Dolphy hat mir eine ganz neue Welt eröffnet, vom Bebop raus in freie Gefilde. Ohne dass er Free Jazz im engeren Sinne gespielt hätte.“ Die Berliner Saxofonistin und Klarinettistin Silke Eberhard ist seit Jahrzehnten fasziniert vom zwar überschaubaren, aber doch  einzigartigen Werk des 1964 mit 36 Jahren viel zu früh verstorbenen Amerikaners. Dolphy hatte die damalige Musikwelt in Erstaunen versetzt. Virtuos spielte er Altsaxofon, Flöte und die bis dato im Jazz unbekannte Bassklarinette, war einer der maßgeblichen Vorkämpfer für die absolute Freiheit des Jazzsolisten. Es gelang ihm, die extremsten inneren Zustände auf seinen Instrumenten auszudrücken und damit die Zuhörer gleichsam zu hypnotisieren. Bei der intensiven Beschäftigung mit Eric Dolphy reifte in Silke Eberhard früh der Wunsch heran, dessen Gesamtwerk aufzuführen. Nach umfangreichen Recherchen erschien 2009 dann die Doppel-CD „Complete Works“, eingespielt mit ihrem Quartett Potsa Lotsa, benannt nach einer Eric Dolphy-Komposition. Die Aufnahmen entstanden ohne Rhythmusgruppe, nur mit jeweils zwei Holz- und zwei Blechblasinstrumenten.

Silke Eberhard
Silke Eberhard

Silke Eberhard hatte diese kammermusikalische Besetzung ganz bewusst gewählt und entsprechende Arrangements geschrieben, um den Komponisten Eric Dolphy herauszustellen und nicht den Instrumentalisten. Ein Werk fehlte allerdings auf der Platte, da es als verschollen galt: Für seine bevorstehende Hochzeit hatte Eric Dolphy kurz vor seinem Tod wohl an einem Streichquartett mit dem Titel „Love Suite“ gearbeitet – so erzählten damalige Freunde jedenfalls. Als Dolphy dann 1964 aufgrund einer unerkannten Diabetes-Erkrankung in Berlin überraschend starb, wurde diese Komposition zu einem Mythos. Doch vor einigen Jahren erhielt Silke Eberhard über den Dirigenten und Komponisten Gunther Schuller tatsächlich eine Kopie der Originalskizzen Dolphys und die Möglichkeit, das Fragment zu bearbeiten und fortzuschreiben. Das vermeintliche Streichquartett stellte sich allerdings heraus als unvollendet gebliebene dreisätzige Suite für Holzbläserquintett. Silke Eberhard ergänzte Fehlendes, arrangierte mit einem eigenen, zeitgenössischen Blick auf das Werk und erweiterte für Konzerte und die preisgekrönte CD-Einspielung ihr Quartett zu Potsa Lotsa Plus. Sie blieb bei einer symmetrischen Aufteilung zwischen Holz und Blech und fügte dem jetzt sechsköpfigen Bläserensemble mit Antonis Anissegos einen Live-Elektroniker hinzu.
Die Beschäftigung mit Eric Dolphys „Love Suite“ erwies sich übrigens als ungeheuer inspirierend: Silke Eberhard schrieb weitere, eigene Stücke für die jetzt größere  siebenköpfige Formation – auch diese zu hören beim diesjährigen Deutschen Jazzfestival Frankfurt.

Silke Eberhard | Alto Saxophone, Bassclarinet
Jürgen Kupke | Clarinet
Patrick Braun | Tenorsaxophone, Clarinet
Nikolaus Neuser | Trumpet
Gerhard Gschlößl | Trombone
Marc Unternährer | Tuba
Antonis Anissegos | Electronics

WEBLINKS

Potsa Lotsa Plus play Eric Dolphy´s Love Suite im Internet: https://silkeeberhard.com/2013/11/23/potsa-lotsa-plus-plays-love-suite-by-eric-dolphy/

Video (YouTube)


Konzert 3

Pérez / Patitucci / Blade „Children of The Light“
Pérez / Patitucci / Blade „Children of The Light“

Pérez / Patitucci / Blade „Children of The Light“

Brian Blade
Brian Blade

Bei seiner ersten Zusammenarbeit mit Wayne Shorter fragte Danilo Pérez, eingeschüchtert von dem Notenstapel, den der legendäre Saxofonist seinem Instrumentenkoffer entnahm, welches Stück der Meister denn proben wolle. Der antwortete lapidar: „Danilo! Man kann das Unbekannte nicht proben.“ Es ist diese vollständige Offenheit gegenüber dem Potential des Augenblicks, die Pérez, Patitucci und Blade von Shorter gelernt und in vielen gemeinsamen Konzerten seit dem Jahr 2000 eingeübt haben.
Seit 2015 treten die drei auch als „Children auf the Light“ in Erscheinung, ohne ihren gemeinsamen Mentor, auf dessen Komposition „Children of the Night“ aus dem Jahr 1961 der Bandname anspielt. Ein überraschend bescheidener Name für ein All-Star-Trio, das aus drei der profiliertesten Instrumentalisten der gegenwärtigen Jazzszene besteht. Aber wie lehrt Wayne Shorter: Sich auf das Unbekannte einzulassen, das erfordert Mut und Bescheidenheit – übrigens nicht nur bei den Musikern, sondern auch beim Publikum.

John Patitucci
John Patitucci

Dabei hätten die drei Herren allen Grund, großspurig aufzutreten. Allen voran John Pattitucci, 1959 in New York geboren und ab Mitte der Achtziger Jahre in Chick Coreas Electric und später auch Acoustic Band zu Weltruhm gelangt. Mehrere Grammys und zahlreiche Kollaborationen mit den größten Stars aus Jazz und Pop später, ist Patitucci ein zuverlässiger Teamplayer geblieben, der ausschließlich musikalisch abhebt, egal ob auf dem akustischen oder dem elektrischen Bass. Auch Danilo Pérez, der 1965 in Panama geboren wurde, hat von Michael Brecker bis Wynton Marsalis mit den größten Namen gespielt. Gleichermaßen in Klassik wie Jazz geschult, speist sich sein kraftvolles und zugleich intelligentes Klavierspiel aus latein- und nordamerikanischen Quellen, wie unter anderem sein Album „Panamonk“ zeigt, das von der Zeitschrift Down Beat zu einer der wichtigsten Solopiano-Platten aller Zeiten erklärt wurde. Und Brian Blade, 1975 in Shreveport Louisiana geboren, steht seinen beiden älteren Kollegen in puncto Credentials nicht nach. Allgemein anerkannt als einer der besten und im Übrigen auch feinfühligsten Jazzschlagzeuger der Gegenwart, ist seine Rolle damit längst nicht erschöpfend beschrieben. Denn mit seiner Fellowship hat Blade sich auch als profilierter Komponist und Bandleader etabliert.

Danilo Pérez
Danilo Pérez

„Wir können mit dichten harmonischen und melodischen Formen ‚komprovisieren‘, aber auch die Schönheit einer einfachen Harmonie erforschen“, sagt Pérez. Tatsächlich verschwimmen die Grenzen zwischen Komposition und Improvisation, wenn die drei in ihrem telepathischen Interplay abheben. Immer geht es nämlich darum, offen zu bleiben, um über die Musik hinausgehen zu können, frei nach einem anderen jener rätselhaften Ratschläge, die Wayne Shorter seinen Lichtkindern mitgab: „Play what you want the world to be like“ – „Spiel so, wie du dir eine ideale Welt vorstellen würdest!“

Danilo Pérez | Piano
John Patitucci | Bass
Brian Blade | Drums

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