FR 28.10.16

Gropper/Graupe/Lillinger – the band formerly known as Hyperactive Kid
Myra Melford „Snowy Egret“
Thomas de Pourquery & Supersonic play Sun Ra

hr-Sendesaal 19 Uhr

Konzert 1

Hyperactive Kid
Philipp Gropper, Christian Lillinger & Ronny Graupe

Gropper/Graupe/Lillinger – the band formerly known as Hyperactive Kid

Hyperaktive Kinder zappeln ständig mit Händen und Füßen oder rutschen auf dem Stuhl herum. Sie sind immer in Bewegung, laufen und klettern in unpassenden Situationen herum und reden unaufhörlich dazwischen. Drei Berliner Musiker, die sich vor über 10 Jahren als Band den Namen „Hyperactive Kid“ gaben, konnten lange mit den Assoziationen zwischen diesen kindlichen Verhaltensauffälligkeiten und ihrer Musik leben. Und doch benennt sich das Trio anlässlich ihrer im Oktober erscheinenden neuen CD „Riot“ um und heißt jetzt „Gropper/Graupe/Lillinger – the band formerly known as Hyperactive Kid“. Von Seiten der Musiker hieß es: „“Wir haben erfahren, dass der Bandname Hyperactive Kid die Wahrnehmung unserer Musik allzu oft einschränkt und in eine von uns nicht gewollte Richtung lenkt.  Mit der Änderung des Namens soll der Vielfalt und Ernsthaftigkeit unserer Musik nichts mehr im Weg stehen.“ Für viele Fans des Trios verkörperte besonders Schlagzeuger Christian Lillinger den alten Bandnamen: Er ist ständig in Bewegung, wie in Ekstase, hinter seinem Instrument hält es ihn scheinbar kaum, mit offenem Mund wechselt er in irrwitzigem Tempo zwischen verschiedenen hochkomplexen Rhythmen hin und her. Zur perkussiven Klangerzeugung verwendet Lillinger nicht nur diverse Trommeln und Becken, sondern auch Autohupen, Kinderrasseln, Plastikflaschen und vielerlei Krimskrams. Er sei der völlig neue Typus des Jazz-Schlagzeugers, schreibt die „Berliner Zeitung“. Er selbst sieht sein Instrument befreit von der traditionellen Rollenverteilung in einer Band, das Drum Set quasi als Melodieinstrument. Christian Lillinger stammt aus dem Spreewald und studierte in Dresden u.a. beim legendären Günter „Baby“ Sommer. In der quirligen Berliner Jazzszene sorgt er seit langem für Furore, ist Mitglied oder Leiter von mehr als einem Dutzend unterschiedlichster Gruppen und auch Jazz-Größen wie Rolf und Joachim Kühn, David Liebman und Alexander von Schlippenbach holten und holen ihn in ihre Bands.

Doch „Gropper/Graupe/Lillinger – the band formerly known as Hyperactive Kid“ sind natürlich mehr als ein Schlagzeuger. Auch wenn Saxofonist Philipp Gropper und Gitarrist Ronny Graupe auf der Bühne im Vergleich zu Lillinger geradezu stoisch wirken: die Band insgesamt bildet ein ungemein pulsierendes Ganzes und mixt frech einen urbanen Jazz-Cocktail. Elemente aus den unterschiedlichsten musikalischen Stilen verschmelzen zu einem neuen Sound, für viele trifft die Band damit den Nerv der Zeit. Darüber freuen sich die Drei natürlich, betonen aber, dass das eher unabsichtlich geschähe. Und auch die oft vermutete und assoziierte Nähe zum Free Jazz sehen die Musiker differenziert. „Eigentlich sind viele unserer Songs organisiert wie in einer Pop-Band“, stellt Ronny Graupe klar. Und auch die freieren Improvisationsteile stünden immer unter einem klar formulierten Motto. Der Gitarrist wurde in Chemnitz geboren, zu einer Zeit, als der Name noch Karl-Marx-Stadt war. Auch Graupe spielt (man glaubt es kaum), wie seine Bandkollegen, gerne Jazz-Standards! Diese scheuklappenlose Herangehensweise überhaupt ist ein Markenzeichen von „Gropper/Graupe/Lillinger“ und ihrer Musik, die alles andere als stromlinienförmig ist. Doch bei allem Experimentellen: Die Stücke können noch so vertrackt und kompliziert sein, sie kommen stets entspannt rüber und sprechen tatsächlich viele junge Hörer an, die mit Jazz ansonsten eher wenig am Hut haben.

Philipp Gropper begann mit sieben Jahren in Berlin Saxofon zu spielen und hörte nicht mehr auf. Er gilt als der Denker von „Gropper/Graupe/Lillinger“, ist damit vielleicht das notwendige Gegengewicht zu Christian Lillinger und lässt sich beim Komponieren seiner Stücke eher Zeit. „Die braucht es bei ihm aber auch“, erzählt Ronny Graupe. „Das muss immer erst mal reifen“.

Beim Deutschen Jazzfestival Frankfurt stellen „Gropper/Graupe/Lillinger – the band formerly known as Hyperactive Kid“ ihre brandneue CD „Riot“ vor. Und mehr als ein Jahrzehnt nach der Gründung der Band zeigt sich, dass die Gruppe vielleicht etwas erwachsener geworden ist. Von der spontanen Entdeckungsfreude und ihrer fast anarchischen emotionalen Freiheit haben Gropper, Graupe und Lillinger aber zum Glück nichts verloren. Und ein Bass fehlt in der Band immer noch nicht

Ronny Graupe | guit
Philipp Gropper | sax
Christian Lillinger | drums

Weblinks

Hyperactive Kid | Zur Webseite von Gropper/Graupe/Lillinger – the band formerly known as Hyperactive Kid


Konzert 2

Myra Melford
Myra Melford

Myra Melford „Snowy Egret“

Ron Miles
Ron Miles

Zumindest in Europa gehört die Pianistin Myra Melford zu den übergangenen Großen des zeitgenössischen Jazz – und das ist eine Schande. Denn schon mit ihrer ersten eigenen Platte 1990 „Jump“ sorgte sie für einen Paukenschlag. Seitdem sind über 20 weitere Veröffentlichungen dazu gekommen und auf allen überzeugt die 1957 geborene Musikerin durch eine atemberaubend leichtfüßige Verbindung zwischen abstrakten, modernen Klängen mit geradezu sinnlichen Sounds aus der Jazz-Tradition, wie z.B. dem Blues. Inspirationen für ihre komplexe Musik holt sie sich auf vielerlei Feldern: Mal findet sie Anregungen in der amerikanischen Architektur, mal in verschiedenen Meditationstechniken oder in der Musik nichtwestlicher Kulturen. So studierte die ursprünglich klassisch ausgebildete Myra Melford Anfang des Jahrtausends bei einem Lehrer in Kalkutta das indische Harmonium.

Liberty Ellman
Liberty Ellman

Ihr aktuelles Projekt „Snowy Egret“ bezieht sich auf die in den 80er Jahren entstandene Trilogie „Memoria del fuego“ (Erinnerung an das Feuer) des großen uruguayischen Autors Eduardo Galeano, in der es um den Zustand beider Teile Amerikas geht. Das Werk ist ein Mosaik aus unzähligen Quellen und Geschichten und erzählt die Biographie eines Kontinents, von den Schöpfungsmythen bis hin zu den grausamen Diktaturen der 80er Jahre und dem Kampf der Völker um Würde und Selbstbestimmung. Hier wird deutlich, dass Myra Melford eine explizit politische Künstlerin ist, eine, die auch immer wieder darunter leidet, mit ihrer Musik so wenig gegen das Übel in der Welt ausrichten zu können. Die Pianistin sieht ihre Beschäftigung mit dem Werk Galeanos nach eigenen Worten nicht als klassische musikalische Übersetzung des Buches, sondern als aktuelle Reaktion. „Die Frage, was es heute heißt, in Amerika zu leben, die will ich an meine Umgebung weitergeben“, sagt die 59jährige und konzipierte ein vielschichtiges Multimedia-Projekt mit Musik, aber auch Videoprojektionen, mehrsprachigen Texten und Tanz.

 Stomu Takeishi
Stomu Takeishi

Die Musik auf der im vergangenen Jahr erschienenen CD „Snowy Egret“ ist nun die Instrumentalversion des Materials und steht ganz eindeutig für sich selbst.
Das liegt natürlich nicht zuletzt an der Zusammensetzung des Ensembles. Ron Miles spielt Trompete und tat das in der Vergangenheit besonders eindrucksvoll etwa in den Bands von Bill Frisell. Der Japaner Stomu Takeishi ist ein langjähriger musikalischer Wegbegleiter von Myra Melford, bedient neben dem 5saitigen elektrischen bundlosen Bass auch eine akustische Bassgitarre und sorgt mit seinem expressiven, körperbetonten Spiel für die zupackende Basis der Band. Der in London geborene Gitarrist Liberty Ellman macht musikalisch seinem Vornamen alle Ehre und nimmt sich in seinem Spiel so viele Freiheiten wie möglich heraus, ohne allerdings die Form aus den Augen zu verlieren. Beim Konzert von Myra Melford und „Snowy Egret“ auf dem „Deutschen Jazzfestival Frankfurt 2016“ wird Gerald Cleaver am Schlagzeug sitzen – und den kennen die Festivalbesucher noch aus der Band von Trompeter Tomasz Stanko, mit der er vor drei Jahren in Frankfurt auftrat.

Gerald Cleaver
Gerald Cleaver

Aber was ist nun eigentlich ein „Snowy Egret“? Nun, das ist eine auf dem gesamten amerikanischen Kontinent beheimatete Vogelspezies, der schneeweiße Schmuckreiher. Als Myra Melford von einem Veranstalter gefragt wurde, wie denn ihre aktuelle Band heißen solle, erinnerte sich die Pianistin an einen Traum, den sie in der Nacht vorher gehabt hatte. „Ein Schmuckreiher tauchte in einen Teich direkt vor mir ein, schoss ein paar Minuten später wieder aus dem Wasser in die Stratosphäre und verwandelte sich dabei in eine wunderschöne Frau mit Engelsflügeln.“ Dieses kraftvolle Bild gibt einem ebenso kraftvollen musikalischen Projekt seinen Namen: „Snowy Egret“.

Myra Melford | piano, melodica
Ron Miles | trumpet
Liberty Ellman | guit
Stomu Takeishi | bass
Gerald Cleaver | drums

Weblinks

Myra Melford | Zur Webseite von Myra Melford


Konzert 3

Supersonic
Supersonic

Thomas de Pourquery & Supersonic play Sun Ra

Sun Ras Album „Supersonic Jazz“ beginnt mit dem eigentümlich verrauchten Klang des damals brandneuen Wurlitzer-E-Pianos, 10 Jahre bevor Joe Zawinul das Instrument mit „Mercy, Mercy, Mercy“ – so will es die offizielle Geschichtsschreibung – in den Jazz einführte. Auch mit Synthesizern experimentierte Sun Ra Jahre vor Zawinul. Doch diese Pionierleistungen fanden damals wenig Gehör, weil seine Alben auf dem musikereigenen Label „El Saturn Records“ erschienen – auch hierin war er Vorreiter – und erst ab den 90er Jahren in größerem Umfang international vertrieben wurden. Die Unabhängigkeit von der Plattenindustrie ermöglichte Sun Ra jene Experimentierfreiheit, die er so beherzt nutzte. Zusammen mit seinem Arkestra, einem bigband-artigen Großensemble, trat er in phantastisch bunten Kostümen auf, verkleidet wie eine Schar Gesandter aus dem ägyptischen Altertum, die die Jahrtausende seither im outer space zugebracht hatte. Jahre später eroberte das Art Ensemble of Chicago in nicht annähernd so abgedrehtem Outfit die Bühnen der Welt. Doch während bei ihnen die Grenze zwischen Inszenierung und Realität klar gezogen wurde, verschwamm sie bei Sun Ra von Anfang an.

Ab 1952 erklärte er sich zum Bürger des Saturn, gab entweder vor, dort geboren worden zu sein und von Engeln abzustammen oder von Außerirdischen entführt und seiner Bestimmung zugeführt worden zu sein. Der 1974 entstandene krude C-Movie „Space is the Place“ führt diese persönliche Philosophie in all ihrer Skurrilität vor – und lässt das musikalische Schaffen Sun Ras in den Hintergrund treten. Die Versuchung ist groß, den Mann mit der goldenen „Badekappe“ als Spinner abzustempeln, auch wenn er sich mit verschmitzter Würde durch die billige Filmkulisse bewegt. Doch der 1914 in Birmingham, Alabama, geborene Herman Poole Blount, so sein eigentlicher Name, hatte Gründe für das konsequent betriebene Vexierspiel mit der eigenen Identität. „Ich bin nicht real, genau wie ihr“, antwortet er im Film schwarzen Jugendlichen auf die Frage „Are you real?“. „Wir existieren nicht in dieser Gesellschaft. Schwarze Menschen sind ein Mythos.“ Dann aber können sie sich selbst eine neue Vergangenheit konstruieren und eine bessere Zukunft verheißen. „Afrofuturismus“ nennt man das heute. Wer hat’s erfunden? Natürlich.

Doch zurück zur Musik des begnadeten Querkopfs, der in einem Interview bedauerte, dass die Menschen immer nur das Mögliche dächten und täten: Bigband-Swing, Bebop, Free Jazz, archaische Rhythmus-Orgien und experimentell-abgedrehte elektronische Sounds leben bei ihm in friedlicher Koexistenz, ergänzt noch durch poetische Texte, die von kosmischer Liebe, Freiheit und Frieden erzählen. Für jeden Kritiker aus dem Jazzestablishment fanden sich Bewunderer aus jazzfernen Lagern: Hippies schätzten die psychedelische Qualität der Musik, Rockmusiker das Unkonventionelle und selbst der den Jazz bekanntermaßen ablehnende John Cage ließ sich zu einer gemeinsamen Performance mit Sun Ra hinreißen.

Thomas de Pourquery
Thomas de Pourquery

Die französische Formation Supersonic nimmt all das auf und verwandelt es in eine absolut gegenwärtig klingende Version von Sun Ras musikalischem Kosmos, die dem Visionär sicher gefallen hätte. Das Projekt des französischen Altsaxofonisten und Sängers Thomas de Pourquery ist eindeutig mehr als eine Sun-Ra-Cover-Band. Der 39-Jährige hat bei Francois Jeanneau studiert und mit ihm im Orchestre National de Jazz gespielt, mit dem Collectif des Falaises sämtliche Jazzspielarten von Standards bis Elektronika durchexerziert, als Sänger und Leader der Rockband Rigolus für Furore gesorgt, in Andy Emler’s Mégaoctet mitgewirkt und zusammen mit dem Posaunisten Daniel Zimmermann ein preisgekröntes Quintett auf die Beine gestellt. Das Album „Supersonic play Sun Ra“ wurde von „victoires du jazz“ als Album des Jahres ausgezeichnet und von der Académie du jazz für den prix de disques nominiert. In seinem Sun-Ra-Projekt versammelt Thomas de Pourquery Musiker, die seine Liebe zu Trance, Melodie und Improvisation teilen und neben ihrem Jazz-Background unterschiedliche musikalische Erfahrungen aus unterschiedlichen Genres einbringen. Schlagzeuger Edward Perraud kennt man hierzulande etwa aus dem Trio „Das Kapital“ des Berliner Saxofonisten Daniel Erdmann. Mal hyperaktiv und mal sensibel, ist er einerseits in der improvisierten Musik zuhause, andererseits hörbar von Drum’n’Bass beeinflusst. Stephane Decolly spielt unter anderem in Thomas de Pourqerys Rockband „Rigolus“ und lässt seine elektrische Bassgitarre gern angezerrt knurren, während Keyboarder Arnaud Roulin den Synthesizer in den elektronischen Orbit katapultiert. Die Bläser-Frontline mit Pourqery, Trompeter Aymeric Avice und Laurent Bardainne am Tenorsaxofon besticht durch mehrstimmigen Satzgesang, etwa in „Love in outer space“. Hier ist eine bestens eingespielte Band am Werk, die von langsam-innigen Momenten bis zu ekstatischer Kakophonie alles kann und dramaturgisch geschickt ausbalanciert. Zusammen geht es den sechs Franzosen nicht darum, den unnachahmlichen Sun Ra zu imitieren, sondern ihre eigene Geschichte durch seine Musik zu erzählen. Viele der Stücke, die sie ausgewählt haben, sind wenig bekannt und haben doch das Zeug zu Standards, weil sie eine universale Dimension besitzen, die zu jedem spricht. Thomas de Pourqerys Supersonic beweist die Zeitlosigkeit des kontroversesten Jazzmusikers aller Zeiten.

Thomas de Pourquery | asax
Laurent Bardainne | tsax
Aymeric Avice | trumpet
Arnaud Roulin | keys
Stephane Decolly | bass
Edward Perraud | drums

Weblinks

Thomas de Pourquery | Video auf YouTube