FR 27.10.17

Mats Eilertsen „Rubicon“
Tigran Hamasyan solo “An Ancient Observer”
Steve Lehman “Sélébéyone”

hr-Sendesaal 19 Uhr

Konzert 1

Mats Eilertsen „Rubicon“
Mats Eilertsen „Rubicon“

Mats Eilertsen „Rubicon“

In Richtung Süden, in Richtung Rom überschritten Gaius Julius Caesar und sein Heer im Jahre 49 v.Chr. den Rubikon. Dieser nur etwa 40 km lange Fluss bildete damals die Grenze zwischen der römischen Provinz Gallia cisalpina und dem  eigentlichen Italien. Caesar erklärte damit dem Römischen Senat den Krieg und ihm war ganz klar, dass es ab diesem Punkt für ihn kein Zurück mehr geben konnte. So wurde der Fluss zur Metapher. „Den Rubikon zu überschreiten“ bedeutet, eine  unwiderrufliche Entscheidung zu treffen, für eine Handlung voller Risiken.

Mats Eilertsen
Mats Eilertsen

Die Entscheidung des norwegischen Bassisten und Komponisten Mats Eilertsen,  sein aktuelles Septett und die gemeinsame CD „Rubicon“ zu nennen, hat natürlich nicht die gleiche historische Tragweite wie die Handlung Caesars. Und doch birgt die Besetzung der Band neben etlichen Chancen auch einige Risiken. Sieben sehr unterschiedliche Musiker und eine ungewöhnliche Instrumentenkombination stellten Mats Eilertsen vor eine selbst gewählte Herausforderung. Dieser zeigt sich der Norweger allerdings mehr als gewachsen: Mit gleich drei Harmonieinstrumenten, nämlich Klavier, Gitarre und Marimba bzw. Vibrafon, erzeugt Mats Eilertsen in seinen Kompositionen und Arrangements faszinierend farbige und warme Klangflächen. Trotz aller Komplexität atmen die Stücke und schwingen in ruhigen epischen Bögen. „Meine große Herausforderung als Komponist und Bandleader war es, der Musik meine eigene, individuelle Handschrift zu geben“, berichtet Eilertsen im Interview. „Gleichzeitig wollte ich aber genug Raum lassen für die wirklich starken und eigenständigen Improvisatoren.“
Alle Musiker seiner Band Rubicon kennt der 1975 in Trondheim geborene Mats Eilersten schon aus früheren Zusammenhängen. Mit Gitarrist Thomas Dahl und Schlagzeuger Olavi Louhivuori spielt der Bassist seit einiger Zeit im SkyDive Trio, Dahl und auch den Saxofonisten Eirik Hegdal lernte er bereits während seines Studiums in Norwegen kennen und schätzen. Der aus New York stammende Vibrafonist Rob Waring, der schon seit Jahrzehnten in Norwegen lebt, arbeitete mit Eilertsen im Trio der Sängerin Elin Rosseland, und auch mit Saxofonist Trygve Seim machte der Bassist schon häufiger gemeinsam Plattenaufnahmen. Hinzu kommt mit dem Niederländer Harmen Fraanje ein Pianist, der mit Eilertsen bereits am Konservatorium in Den Haag studiert hat. Viele der Kompositionen für Rubicon entstanden als Auftragswerke für das norwegische VossaJazz-Festival 2014 und wurden später für die Plattenaufnahmen im Studio überarbeitet. Und der vielbeschäftigte Mats Eilertsen erweist sich in dieser kammermusikalisch geprägten Band mal wieder als ausgeprägter Teamplayer, besonders aber als Musiker und Komponist mit einer wirklich eigenen starken Sprache und Identität. Die Überschreitung des Grenzflusses hat sich definitiv gelohnt!

Eirik Hegdal | Soprano & Baritone Saxophone, Clarinets
Trygve Seim | Tenor & Soprano Saxophone
Thomas T Dahl | Guitar
Rob Waring | Vibraphone, Marimba
Harmen Fraanje | Piano, Rhodes
Olavi Louhivuori | Drums
Mats Eilertsen | Bass, Composition

WEBLINKS

Mats Eilertsen im Internet: http://www.matseilertsen.com/groups/rubicon-3/

Video (YouTube)


Konzert 2

Tigran Hamasyan
Tigran Hamasyan

Tigran Hamasyan solo “An Ancient Observer”

„Vom Fenster meines Hauses aus sehe ich in der Ferne den heiligen Berg Ararat mit seiner Schneekuppe, doch in meinem Blickfeld sind auch Satellitenschüsseln, Stromkabel und Flugzeuge am Himmel.“  Pianist Tigran Hamasyan lebt nach vielen Jahren in den USA heute wieder in Jerewan, der Hauptstadt Armeniens. Auf seiner aktuellen Solo-CD „An Ancient Observer“  zeigt sich der 30jährige als wacher und genauer musikalischer Beobachter, sieht sich in einer Reihe mit Fotografen und Malern. Seine Musik schlägt eine Brücke zwischen der Volksmusik seiner Heimat und amerikanisch geprägtem Jazz, und er sagt: „Meine neuen Stücke entsprechen der Welt, in der wir heute leben – und der Last der Geschichte, die wir mit uns herumtragen.“ Die zehn Kompositionen des Albums entstanden im Laufe der letzten vier Jahre; einige basieren auf armenischen Melodien, manche sind vollständig ausnotiert, andere wiederum lassen viel Raum für Improvisationen. Und Hamasyan erweist sich dabei als phänomenaler Pianist mit atemberaubender Technik.
Seit seinem dritten Lebensjahr spielt Tigran Hamasyan Klavier und erhielt zunächst klassischen Unterricht. Als Teenager zog er mit seinen Eltern nach Los Angeles, zum Jazz-Studium ging er später nach New York. Beim Montreux Jazz Festival gewann er 2003 den Klavierwettbewerb, drei Jahre später den des Thelonious Monk Institute, dessen Juryvorsitzender Herbie Hancock sich mehr als beeindruckt zeigte. Etliche Alben hat Tigran Hamasyan seitdem veröffentlicht, in verschiedenen Besetzungen. So bearbeitete er z.B. bis ins 5. Jahrhundert zurückreichende armenische Kirchenmusik für Klavier und Kammerchor und nahm atmosphärische Filmmusik mit den norwegischen Elektrojazzern Arve Henriksen und Jan Bang auf. In seinen Kompositionen gelingt es Tigran Hamasyan immer wieder, große Emotionen zu erzeugen. Virtuos nutzt er die dynamische Bandbreite seines Instrumentes und verweist gerne auf seine vielfältigen Einflüsse und Inspirationsquellen. „Da sind natürlich Volksmusik, Klassik und Jazz, aber auch Techno, Heavy Metal und Dancefloor“, sagt er. „Außerdem außermusikalisches wie Literatur, Malerei oder Kino. Interessant wird es für mich immer dann, wenn es spirituell ist, man eine gewisse Tiefe spürt“.
Auf der CD „An Ancient Observer“ hört man neben Hamasyans virtuosem Klavierspiel übrigens auch mehrfach Gesang. Nachträglich wurden Vokalpassagen des Armeniers in mehreren Schichten hinzugefügt, denn die menschliche Stimme ist für Hamasyan die ursprünglichste Form überhaupt, sich musikalisch auszudrücken. Ob diese Seite auch auf dem Deutschen Jazzfestival Frankfurt zu hören sein wird, bleibt noch offen. Ebenso, ob elektronische Klänge vorkommen werden – für die Platte hatte Hamasyan seinen Flügel mit einem Synthesizer verbunden. Der Weltbürger aus Armenien ist Musiker, der selbstverständlich und sehr reflektiert mit Geschichte ebenso umgeht wie mit modernster Technik und dabei eine Musik schafft, die gleichzeitig quicklebendig und zeitlos daher kommt.

Tigran Hamasyan | Piano

WEBLINKS

Tigran Hamasyan im Internet: http://www.tigranhamasyan.com/

Video (YouTube)


Konzert 3

Steve Lehmann “Sélébéyone”
Steve Lehman “Sélébéyone”

Steve Lehman “Sélébéyone”

Gaston Bandimic
Gaston Bandimic

Die personellen Querverbindungen zwischen Jazz und Hip-Hop werden immer zahlreicher. Robert Glasper und Kamasi Washington, die beide am Erfolgsalbum „To Pimp a Butterfly“ des Rappers Kendrick Lamar mitgearbeitet haben, erreichen ein junges Publikum, das in ihren Konzerten die überraschende Erfahrung macht: Man kann auch Jazz mögen! Glasper und Washington sind die bekanntesten Vertreter einer neuen Generation von Musikern, die so selbstverständlich mit Hip-Hop und Post-Bop aufgewachsen sind, wie die Generation ihrer Väter mit den Beatles und Miles Davis. Die intelligenteste, musikalisch interessanteste Fusion aus Hip-Hop und Jazz kommt allerdings derzeit von dem Altsaxofonisten Steve Lehman.
Von der New York Times als „state-of-the-art musical thinker“ und „dazzling saxophonist“ bezeichnet, bewegt er sich seit jeher in einem breiten Spektrum experimenteller musikalischer Idiome.

HPrizm
HPrizm

Er hat Kammermusik für renommierte Ensembles komponiert, mit Musikern wie Anthony Braxton, Vijay Iyer oder George Lewis gespielt, sich mit computergenerierten Modellen für Improvisation beschäftigt und historische Studien über die Rezeption experimenteller Musik angestellt. Hochdotierte Stipendien wie das Guggenheim Fellowship oder das Fulbright Scolarship ermöglichen ihm immer wieder die Auseinandersetzung mit obskuren Themen, die letztendlich seine musikalische Kreativität beflügeln. NPR Music, Los Angeles Times und New York Times kürten mehrere CDs von ihm jeweils zum besten Jazz-Album des Jahres und das Downbeat Magazine erklärte ihn 2015 zum „Rising Star Musician of the Year“.

Steve Lehmann
Steve Lehman

Sein Projekt „Sélébéyone“ schlägt eine Brücke zwischen Avantgarde-Jazz und Underground-Hip-Hop, vertreten durch zwei Saxofonisten und zwei Rapper. Mit HPrizm, alias High Priest, hat Lehman bereits in der Hip-Hop-Gruppe Anti-Pop-Consortium zusammen gearbeitet. Zum ihm gesellt sich der Senegalese Gaston Bandimic, der in seiner Heimat zu den jungen Stars der Szene gehört und in der Landessprache Wolof rappt. „Obwohl wir aus verschiedenen Backgrounds kommen – New York, Paris, Dakar – haben wir viele Gemeinsamkeiten“, sagt Steve Lehman, „HPrizm, Gaston und Maciek sind alle Sufi Muslims, was einen Einfluss auf die Wahl unserer Themen hatte.“

Maciek Lasserre
Maciek Lasserre

Verschachtelte Rhythmen, elektro-akustische Harmonien, einander umschlingende Saxofonlinien und energiegeladene zweisprachige Wortsalven verbinden sich zu einer komplexen, teils auch verstörenden Großstadtmusik. Jacob Richards aus Los Angeles sitzt am Schlagzeug. Zusammen mit ihm sorgen Basslegende Drew Gress und der Keyboarder Carlos Homs für die richtige Balance aus Druck und Elastizität. „Sélébéyone“ bezeichnet in Wolof einen Schnittpunkt, in dem sich zwei verschiedene Elemente begegnen und dabei in etwas Neues verwandeln. Ein passender Name für einen der aufregendsten und relevantesten musikalischen Synthese-Versuche unserer Zeit.

Steve Lehman | Alto Saxophone
HPrizm | Spoken Word
Gaston Bandimic | Spoken Word
Maciek Lasserre |Alto Saxophone
Carlos Homs | Keyboards
Drew Gress | Bass
Jacob Richards | Drums

WEBLINKS

Steve Lehman “Sélébéyone” auf PI Recordings: https://stevelehman.bandcamp.com/album/s-l-b-yone

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