DO 27.10.16

Phronesis
John Scofield – „Country for Old Men“

hr-Sendesaal 20 Uhr

Konzert 1

Phronesis
Phronesis

Phronesis

„Augenblicklich eine der aufregendsten Formationen auf dem Planeten!“ So urteilt das britische Magazin „Jazzwise“ über „Phronesis“. Das Trio feierte im vergangenen Jahr sein 10jähriges Bestehen und überzeugt sein Publikum inzwischen weltweit vor allem durch charismatische Live-Auftritte. Und die sprechen ein besonders junges Publikum an!

„Phronesis“ – das sind der dänische Bassist Jasper Høiby, der die Band 2005 in London gründete, der schwedische Schlagzeuger Anton Eger und der englische Pianist Ivo Neame. Der Bandsound wird vom gleichberechtigten Miteinander aller drei Instrumente geprägt und ist ebenso komplex wie zugänglich. Überraschende Tempowechsel, vertrackte Rhythmik und zupackende dynamische Entwicklungen prägen die Kompositionen, die übrigens alle drei Musiker beisteuern. Im Interview erzählt Pianist Ivo Neame, dass „Phronesis“ in den vergangenen zehn Jahren musikalisch immer wagemutiger geworden sei, die Musik inzwischen sehr viel offener als früher. Die gemeinsame Improvisation bekomme einen immer größeren Stellenwert, nur so könne man sich als Band stetig weiter entwickeln.

„Parallax“ heißt die aktuelle, inzwischen sechste CD der Band. Für die Aufnahmen haben sich die drei Musiker einen Traum erfüllt: Sie mieteten einen Tag die legendären Abbey Road Studios in London. Dort, wo noch immer die Aura der Beatles spürbar ist, entstand das Album und bekam den Sound, den sich Jasper Høiby, Anton Eger und Ivo Neame gewünscht hatten. Parallaxe bezeichnet übrigens in der Physik den Winkel zwischen zwei Geraden, die von verschiedenen Standorten auf denselben Punkt gerichtet sind, wodurch sich der Gegenstand im Auge des Betrachters verschiebt. Ähnliches passiert in den Ohren beim Hören der Musik von „Phronesis“.

Phronesis
Phronesis

Eine Menge verschiedener Einflüsse kommen da zusammen, nur Ivo Neame bezeichnet sich als Jazzer durch und durch und von Anfang an. Die beiden anderen nennen auch Rock, Grunge und HipHop als Inspiration. So entsteht die faszinierende, brodelnde Mischung, von der man nie weiß: Ist das alles improvisiert? Oder gar alles komponiert? Und genau diese Irritation beabsichtigen die drei von „Phronesis“. „Ich finde es toll, wenn das schwer zu sagen ist“, verrät Anton Eger im Gespräch. „Es gibt tatsächlich Stücke, die so gut wie ganz durchkomponiert sind. Aber auch Kompositionen, die auf ein winziges Stück Papier passen, dann aber 10 Minuten dauern“.

Die drei Musiker von „Phronesis“ lieben und brauchen Erfahrungen im Grenzbereich zu immer wieder anderen Territorien. So auch mit dem vor einiger Zeit entwickelten Konzept der sogenannten „Pitch Black“-Konzerte, Auftritte in völliger Dunkelheit. Persönlicher Hintergrund dieser Aufführungen war die Erblindung der Schwester von Bassist Jasper Høiby. Als eine extreme und auch beängstigende Erfahrung schildern „Phronesis“ diese Konzerte, die unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen abliefen: Da selbst die Notausgänge unbeleuchtet sein sollten, mussten mindestens sechs Feuerwehrleute mit Taschenlampen vor Ort sein.

Eine andere neue Erfahrung für das Trio war sicherlich die Zusammenarbeit mit der hr-Bigband Ende des vergangenen Jahres. Arrangeur Julian Arguëlles hatte Stücke von „Phronesis“ für die Großformation arrangiert, der gemeinsame Auftritt wurde zum Triumph. Und selten sah man bei einem Konzert der hr-Bigband so viele neue junge Gesichter im Publikum! Ja, „Phronesis“ sind wirklich „angesagt“, eine der führenden Bands der pulsierenden Britjazz-Szene, über die die Jazzmedien gerade so viel zu berichten haben.

Jasper Høiby | bass
Anton Eger | drums
Ivo Neame | piano

Weblinks

Phronesis | Zur Webseite von Phronesis


Konzert 2

John Scofield
John Scofield

John Scofield – Country for old men

Als Eric Clapton 2010 vom alten Schaukelstuhl sang, an den er gefesselt sei, war das mehr als das Kokettieren des damals 65-Jährigen Rockstars mit dem Eintritt ins Rentenalter. Sein Album „Clapton“ dokumentierte die Rückbesinnung auf jene Musik, die ihn geprägt hatte. Neben dem Rhythm and Blues seiner Jugend waren das die Jazz- und Showtunes der Großeltern, bei denen er aufwuchs: Stücke wie „Autumn Leaves“ oder eben Hoagy Carmichaels „Old Rockin’ Chair“. Clapton begegnete ihnen mit liebevollem Respekt und augenzwinkerndem Humor, genau mit jener Mischung also, die man auch dem im Schaukelstuhl auf der Veranda sitzenden Großvater entgegenbringen würde.

Wenn sich John Scofield nun sechs Jahre später, aber im gleichen Alter wie Clapton damals, der Country-Music widmet, so ist auch dies eine Rückbesinnung auf die Musik seiner Kindheit. Denn lange bevor der Jazz ihn in seinen Bann zog und noch bevor die Expressivität des Urban Blues und die Kreativität der Beatles den Jugendlichen begeisterten, bereitete die aus dem elterlichen Radio tönende Country-Music den Nährboden für alles Weitere. Die Liebe zu den sehnsuchtsvollen Melodien hat ihn nie verlassen, wie er über die Jahre immer mal wieder durchblicken ließ, etwa in Stücktiteln wie „Wabash I – III“.

Nun, mit der Souveränität des gereiften Mannes und der Gelassenheit eines Künstlers, der sich und der Welt nichts mehr beweisen muss, kann sich „Sco“ offensiv zu dieser für Jazzmusiker eigentlich „verbotenen“ Jugendsünde bekennen.

Steve Swallow
Steve Swallow

Aber egal, ob er hochenergetische Funk-Fusion, cool swingenden Post-Bop oder mitreißend groovende Jams spielt: John Scofield bleibt sich immer treu und ist an seiner gitarristischen Handschrift unzweifelhaft nach wenigen Tönen zu erkennen. In seinem Personalstil kommt die Expressivität des Blues zu einer organischen Synthese mit der harmonischen und linearen Sophistication der Post-Coltrane-Schule. Tausendmal kopiert und nie erreicht, ist Scofield heute zweifellos eine der ausdrucksstärksten Stimmen auf dem Instrument. Vor allem live scheint seine Intensität mit den Jahren stetig zuzunehmen.

Bill Stewart
Bill Stewart

Während Frisell schon 1997 nach Nashville pilgerte, um mit den Studio-Cracks der dortigen Szene aufzunehmen, geht Scofield den umgekehrten Weg. Ganz bewusst wählt er drei Kollaborateure aus der New Yorker Jazzszene für dieses Projekt, allen voran Steve Swallow, den Freund und Mitstreiter schon seit dem legendären Trio der späten 70er Jahre. Allein diese beiden wieder zusammen zu erleben, wird eine Freude sein. Als das Scofield Trio Anfang der 90er Jahre ein Comeback feierte, ließ das elastisch federnde und dabei ungemein vielschichtige Spiel eines noch unbekannten Schlagzeugers aufhorchen: Bill Stewart. Larry Goldings schließlich, Mit- und Gegenspieler in Scos „Organ Trio“, gehört zu jener raren Sorte von Jazzmusikern mit Fingerspitzengefühl für populäres Material, wie er als Begleiter von James Taylor unter Beweis stellt.

Larry Goldings
Larry Goldings

Zusammen werden sie „Country-Stücke in Jazz-Vehikel verwandeln“, wie Scofield verrät. „Wir nähern uns diesen Songs mit unserem Jazz-Ansatz und bewahren gleichzeitig ihren Charakter, ihre Integrität und ihren besonderen ‚Twang‘.“ Wie schwierig die selbstgestellte Aufgabe ist, erahnt man, wenn man hört, von wem die Vorlagen stammen: nämlich von so unterschiedlichen Musikern wie den „Country-Outlaws“ Hank Williams und Merle Haggard, dem Western-Swing-Geiger Bob Wills oder der kanadischen Crossover-Künstlerin Shania Twain.
Die Fans des Gitarristen werden sagen, dass allein die herrliche Anspielung auf das rabenschwarze Westerndrama der Coen-Brüder dieses Projekt schon rechtfertigt. Ja, auch Scofield kokettiert mit seinem Alter, aber auf welchem Niveau!

John Scofield | guit
Larry Goldings | keys
Steve Swallow | bass
Bill Stewart | drums

Weblinks

John Scofield | Zur Webseite von John Scofield
John Sconfield | Video zum Country-Projekt