DO 26.10.17

Craig Taborn Quartet
Roger Hanschel & Auryn Quartett
hr-Jazzensemble

hr-Sendesaal 19 Uhr

Konzert 1

Craig Taborn Quartet
Craig Taborn Quartet

Craig Taborn Quartet

Nein, Intellekt und Schönheit stehen sich nicht im Wege im musikalischen Schaffen von Craig Taborn. Zwar entwickelt der Pianist und Keyboarder komplexe kompositorische Konzepte und beleuchtet musiktheoretische Phänomene gerne aus unterschiedlichsten Perspektiven, seine Musik aber zeigt eine eigentümliche und faszinierende Klangschönheit, der man sich nur schwer entziehen kann.
Bekannt wurde Craig Taborn in den 90ern in der Band von Saxofonist James Carter, hatte aber schon vorher etliche eigene Gruppen und Projekte. 1970 geboren und in Minneapolis in einem musikalischen Haushalt aufgewachsen, spielte Taborn schon als Teenager mit dem späteren Bad Plus-Drummer Dave King. „Wir haben alles Mögliche ausprobiert“, erinnert der sich heute. „Rock, Punk und Metal ebenso wie Elektronik, Jazz und freie Improvisation. Für uns gab es keine Grenzen und Craigs Musik klingt heute immer noch so aufregend wie damals, nur auf einer viel höheren Stufe – er hat sich einfach stetig weiterentwickelt!“ Entscheidenden Anteil an dieser Entwicklung hatte wohl Taborns Lehrer Peter Murray. Der brachte dem jungen Pianisten über Jahre nicht Technik bei, sondern stellte immer wieder die einfache Frage: Warum spielst du jetzt diese Note? Und warum nicht eine andere oder lässt sie einfach weg? So entwickelte Craig Taborn langsam aber sicher ein Gespür für die elementare Bedeutung des einzelnen Tons und seines Klangs. Er erkannte, dass die musikalische Intention viel wichtiger ist als technisches Können und nennt heute Bill Frisell, Paul Motian, Wayne Shorter und Frank Zappa als maßgebliche Inspirationen auf diesem Weg.

Craig Taborn
Craig Taborn

Craig Taborn’s aktuelle CD „Daylight Ghosts“ ist das inzwischen sechste Album unter eigenem Namen und zeigt eindrucksvoll, wie viel Respekt der Pianist weiterhin vor jedem einzelnen Ton hat und wie tief er inzwischen eingedrungen ist in den reinen Klang. Eingespielt wurde die Platte im Quartett mit Musikern, mit denen der Pianist in verschiedenen Projekten schon lange zusammenarbeitet. Neben „Jugendfreund“ Dave King am Schlagzeug sind das Chris Lightcap am akustischen sowie elektrischen Bass und Chris Speed an Saxofon und Klarinette. Zusammen entwickeln die vier eine schillernde und vielschichtige Klangwelt, in der konventionelle Songstrukturen eher selten sind und Gruppenimprovisation den Vorrang hat vor traditioneller Rollenaufteilung in Solist und Begleitung.
Der kammermusikalische Sound des Quartetts wird ergänzt durch einen behutsamen Einsatz von elektronischen Klangerzeugern, wobei Taborn digitale Geräte vehement ablehnt und stattdessen analoge Synthesizer verwendet. Die vier Musiker haben die Erfahrung gemacht, dass die auf der Platte größtenteils sehr atmosphärischen Stücke auf der Bühne im Live-Spiel eine zusätzliche rockig-kraftvolle Energie entwickeln. Trotzdem bleibt die Musik in jeder Phase kristallin und transparent. Raffiniert spielen Craig Taborn und sein Quartett mit Rhythmen und unverbrauchten Sounds, wie mit Zauberhand entwickeln sie subtile Stimmungen, die frei bleiben von jedwedem Klischee. Und der Zuhörer kann gar nicht anders: Er lässt sich mitnehmen auf eine Reise in ein unbekanntes Land, bei der ihm manches vertraut vorkommen mag, an anderer Stelle sich aber unerwartete schroffe Abgründe auftun. Kopfkino im besten Sinne!

Craig Taborn | Piano, Synthesizer
Chris Speed | Tenorsaxophone, Clarinet
Chris Lightcap | Bass
Dave King | Drums

WEBLINKS

Craig Taborn im Jazzecho: http://www.jazzecho.de/aktuell/news/artikel/article:242428/craig-taborn-quartet-von-energie-durchdrungene-elektro-akustische-kammermusik

Video (YouTube)


Konzert 2

Roger Hanschel & Auryn Quartett
Roger Hanschel & Auryn Quartett

Roger Hanschel & Auryn Quartett

Als die Kölner Saxophon Mafia, deren Mitglied Roger Hanschel war und ist, 1990 verschiedene andere Ensembles der Domstadt zu gemeinsamen Aufnahmen ins Plattenstudio einlud, gehörten dazu mit dem Auryn Quartett auch vier klassische Streicher. Ein paar Jahre später präsentierte Roger Hanschel eine eigene Komposition für Saxophon und Streichquartett, die er zunächst mit Mitgliedern des Frankfurter Ensemble Modern auf CD einspielte. Eine Tournee durch Südamerika bestritt er aber dann mit dem Auryn Quartett. Vor drei Jahren schrieb Hanschel direkt für seine Kölner Kollegen ein eigenes Werk: „Niederschlagsmengen“ für Saxophon und Streichquartett in 7 Sätzen. Die gemeinsame CD wurde nominiert für den Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik und präsentiert eine sehr eigenständige und reizvolle Kombination von auskomponierten Passagen für Streichquartett mit Improvisationen für Altsaxophon. Rogel Hanschel begreift dabei die vier Streicher als gleichberechtigte Partner, nutzt und integriert ihre Stärken und ist weit davon entfernt, sie in ein Jazzkorsett zu zwängen. Komplexe rhythmisch-melodische Geflechte dienen ihm vielmehr als Grundlage für seine spielerisch leichten und gleichzeitig hochvirtuosen Ausflüge auf dem Saxophon. Der meisterhafte Umgang mit der Zirkularatmung ermöglicht ihm dabei, scheinbar endlose Klangflächen zu erzeugen, die sich hypnotisch-flirrend und voller Spannung steigern. Müßig, zu fragen, welchem Genre diese Musik eigentlich zuzuordnen ist; angesichts der CD-Veröffentlichung schrieb die Presse jedenfalls von „verstörend starken Zeichen eines Musikers, der aus dem Jazz kommt“ und von einer kompositorischen Fantasie, die einen fast sprachlos mache.

Roger Hanschel
Roger Hanschel

Rogel Hanschel, Jahrgang 1964, ist ein ausgesprochen vielseitiger Musiker und arbeitet in unterschiedlichsten Zusammenhängen. Neben der Kölner Saxophon Mafia beeindruckt er z.B. durch eine intensive Zusammenarbeit mit Sängerinnen wie Gabriele Hasler und Eva Mayerhofer. In seinem eigenen Quartett Heavy Rotation frönt Hanschel seiner durchaus auch vorhandenen Neigung für Rock und Groove, während ihm im Trio Benares mit zwei indischen Musikern eine gelungene Fusion zwischen Jazz und indischer Musik gelingt.
Das Auryn Quartett besteht seit 1981 aus seinen vier Gründungsmitgliedern und zählt zu den international renommiertesten Streichquartetten. Das Repertoire reicht von Beethoven, Schumann und besonders Haydn bis zu zeitgenössischen Komponisten wie György Kurtág oder Krzysztof Penderecki. Vielfach preisgekrönte CDs dokumentieren den eindrucksvollen künstlerischen Werdegang.
Beim Deutschen Jazzfestival Frankfurt kommt es zu einem der seltenen gemeinsamen Konzerte von Roger Hanschel mit dem Auryn Quartett.

Roger Hanschel | Saxophone
Matthias Lingenfelder | Violin
Jens Oppermann | Violin
Stewart Eaton | Viola
Andreas Arndt | Cello

WEBLINKS

Roger Hanschel im Internet: http://rogerhanschel.de/roger-hanschel-auryn-quartett/

Video (YouTube)


Konzert 3

Heinz Sauer, Günter Lenz, Christoph Lauer
Heinz Sauer, Günter Lenz, Christoph Lauer

hr-Jazzensemble

Stefan Lottermann
Stefan Lottermann

„Alter ist kein Verdienst, sondern Gnade“, heißt es im Sprichwort. Und sicher ist das bald 60jährige Bestehen des hr-Jazzensembles der – nennen wir sie mal – Treue des Hessischen Rundfunks zu diesem sperrigen Kollektiv freischaffender Musiker geschuldet. Aber diese Treue war immer hochverdient, wie der Hessische Jazzpreis 2009 und mehrere preisgekrönte CD-Veröffentlichungen belegen. Sie bilden jedoch nur die Spitze des Eisbergs. Tausende von Aufnahmen sind seit 1958 entstanden und bilden einen Archivschatz von hohem künstlerischem und mittlerweile auch historischem Wert. Denn von Anfang an wurde ohne Zugeständnisse an die kommerzielle Verwertbarkeit komponiert, improvisiert und produziert. Wenn das Ensemble ca. sechs Mal jährlich im Studio des Hessischen Rundfunks für eine zweitägige Aufnahmesitzung zusammenkommt, entstehen bis heute Klänge jenseits des Erwartbaren und Marktgängigen.
Fast ein halbes Jahrhundert war es der Posaunist und „Säulenheilige“ Albert Mangelsdorff, der dem hr-Jazzensemble Schirmherrschaft, Inspiration und Kontinuität verlieh. Mittlerweile geben Heinz Sauer und Günter Lenz den Geist und die künstlerische Haltung dieser Frankfurter Musikergeneration an die nachfolgenden weiter. Jüngstes Mitglied ist der gerade mal zwanzig Jahre alte Darmstädter Ole Heiland, der das Spektrum des Ensembles mit dem satten Sound seiner Tuba nach unten erweitert. Zwischen ihm und den beiden „elder statesmen“ agieren Musiker, die dem Ensemble ihren jeweils eigenen klanglichen Stempel aufprägen und ihrerseits durch die Mitgliedschaft in dem geschichtsträchtigen Experimentierzirkel nachhaltig in ihrer künstlerischen Entwicklung gefördert wurden und werden. Da ist allen voran natürlich Christof Lauer, einer der profiliertesten europäischen Tenorsaxofonisten, der seit Ende der 70er-Jahre dazugehört. Posaunist Stefan Lottermann wurde Anfang der 90er Jahre von seinem Lehrer Albert Mangelsdorff in den Zirkel eingeführt. Gegen Ende der Dekade kamen Pianist Tom Schlüter und Saxofonist Peter Back, der sich auch als sehr fruchtbarer Komponist erwiesen hat. Uli Schiffelholz schließlich konnte sich als Nachfolger des jahrzehntelangen Schlagzeugers Ralf Hübner etablieren.

Valentin Garvie
Valentin Garvie

Trompeter Valentin Garvie, der Anfang des Jahres seinen Abschied beim Ensemble Modern genommen und zurück in seine argentinische Heimat gezogen war, wird eigens für den Festivalauftritt wieder nach Frankfurt kommen. John Schröder, ehemals schillerndster Teil des sogenannten „Frankfurter Gitarrenwunders“, bereichert seit einigen Monaten wieder die Aufnahmsitzungen des hr-Jazzensembles. Wenn die Frankfurter „masters of melancholy“ mal wieder Trübsal blasen, fräst der Wahlberliner sich als hochvirtuoser musikalischer Freibeuter durchs musikalische Geschehen.
Vorproduzierte elektronische Tracks, fein-ziseliertes Beckenspiel über synthetischer Kickdrum, das Mit- und Gegeneinander von „Drei Tenören“, verstörende und faszinierende Klangskulpturen, musikalische Miniaturen und die solistische Suche nach maximaler Expressivität und Individualität: all das und mehr ist das hr-Jazzensemble, nur eines ist es nicht: von gestern. Normalerweise arbeitet es hinter den verschlossenen Türen des Aufnahmestudios. Umso mehr freuen wir uns auf einen der seltenen Live-Auftritte dieses hochkarätigen und einzigartigen Musikerkollektivs.

Heinz Sauer | Tenorsaxophone
Christof Lauer | Tenorsaxophone
Peter Back | Tenorsaxophone, Soprano Saxophone, Electronics
Valentin Garvie | Trumpet
Stefan Lottermann | Trombone
Ole Heiland | Tuba
Tom Schlüter | Piano
John Schröder | Guitar
Günter Lenz | Bass
Uli Schiffelholz | Drums

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hr-Jazzensemble im Internet: http://www.hr-online.de/website/radio/hr2/index.jsp?rubrik=2940

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